Zufall und Stille

Der Verzicht des Künstlers auf Original-Kreativität ist der Versuch der Distanzierung zur eigenen Subjektivität, ähnlich dem naturwissenschaftlichen Prinzip der Größe der Beobachtungsdistanz als äquivalent für den Grad der Objektivität der Beobachtung.

Eine der Methoden der Distanzierung ist die Nutzung eines kritisch eingerichteten oder gegebenen (Alreadymade) Zufallsgenerators zum Zwecke einer wenigstens vom Anschein her willens- ergo kritik- bzw. kreativitätsfreien Produktion von Kunstwerken, mithin -wenigstens vom Anschein- frei von einer subjektiven handwerklichen Signatur.
Ledig die (äußere) Form einer willentlich-kritisch eingerichteten oder gegebenen Apparatur könnte die subjektive Signatur zeitigen ; die je generierten Strutukturen dahin zu deduzieren aber bleibt allenfalls spekulativ. Aleatorisch-erratische Produktionen Λv ihre immanente Produktionsnotationen zeigen besagte subjektive Signaturen naturaliter nicht.

Ein ähnlicher Distanzierungsmodus zum Kunstwerk ist der des schieren Konstatierens der Ereignissen und Zuständen der Umwelt, des Umfeldes, also seitens des Kunstschaffenden eine gewisse „Handlungsstille“, vergleichbar der „Stille“ einer  per kunsttheoretischer Maßgabe gerade eben nicht aufzuführenden Musik ; so geschehen mit „ 4´33´´„  von John Cage.
In dieser Position werden alle zustandekommenden Ereignisse und Zustände der Umgebung zum Kunstwerk mittels einer relativ „handlungsstillen“ Kreativität. Die so getroffene Auswahl des Ereignis- und Zustandsareals sei vermerkt als sub-kreative, implizit sub-kritische Intervention.
Das Zufallende -hier Unbestimmbare- innerhalb dieser Methode sind die nicht exakt prognostizierbaren Ereignis- und Zustandsinterferenzen im theoretisch infiniten Ereignisfeld, denen nun an Statt eines kritisch oder kreativ organisierten Originalereignisses die (kunst)ästhetische Aufmerksamkeit gilt.


Das Gegebene/Alreadymade

Eine Gruppe farbig markierter Bäume eines Waldstückes ist das, aus der Sicht des HF     Gegebene, Vorhandene. Folgend ist das Waldstück der Ereignisraum, dem das angezeigte Struktur- oder Selektionsereignis potenziell inne ist, und dergestalt als konkreter Fall von HF rezeptiert.

Das Selektionsbild, selbst wenn es, wie vermutbar, im Sinne irgendwelcher waldwirtschaftlicher Kriterien erzeugt worden ist, kann – per ratio -  von einer im Eigentlichen zugefallenen Struktur weder typologisch, noch phänomenologisch oder methodologisch unterschieden werden.
HF trifft also auf eine nicht von ihm selbst bestimmte Auszeichnungs-Struktur, die ihm einer erratischen gleichgültig sein kann und darf.

Innerhalb der markierten Baumgruppe gibt es keine numeral-ordinale oder sonstwie Hierarchie, denn die Markierung „X“, der Numerus, gilt für alle selektierten Bäume.
Das heißt, alle diese Bäume sind als bedeutungsgleich ausgezeichnet und dahin für identikalisch (zu-und untereinander) deklarierbar, da alle „X“ als eben ihre konstellations-intrinsische Deklaration ihrer Identikalität notwendig interpretiert werden müssen.
Also ist die vorliegende Numerierung keinesfalls geeignet zur  Individualisierung innerhalb der selektierten Gruppe durch Prädikate, außer dem der Identikalität.

Alle ( ! ) möglichen, sprich wahrscheinlichen Selektionsbilder können im finiten Ereignisfeld finit, im infiniten Ereignisfeld nur infinit kalkulativ quantifiziert werden. Der adäquate mathematische Symbolsatze für all deren formale Terminierung ist selbstredend quantitativ finit.

Wenn das Ereignisfeld die Matrix „n“ als Bereitstellung für die Selektion von „k“ Dingen oder Positionen aus n Dingen oder Positionen ist, so ist der formale Ausdruck dafür : C(n ; k) , vereinfacht  nCk. Dies meint die Kombination C von   n & k miteinander und bedeutet lingualsprachlich : „Aus n gegeben Dingen oder Positionen werden k Dinge oder Positionen ausgezeichnet, ausgesucht.“
Da dem Term nCk eine Kalkulationsvorschrift bzw. -methode zugegeben ist, bedeutet er, abgesehen von seiner prinzipiell system-phänomenologischen Eigenschaft, auch den Betrag, die Anzahl aller möglichen denn wahrscheinlichen Selektionsbilder : │nCk│ =  S .
Ist n finit und k sowieso, dann ist │nCk│ finit.
Bei infinitem n ist │nCk│ entsprechend infinit für alle finiten k .

Die hier angeführte Mathematik ist ledig zur phänomenologischen und quantitativen Darstellung geeignet und nicht zur Deduktion von Produktionsmethoden wie denen des Zufalls, der Kritik oder der Kreativität.


Die Relevanz

Die Relevanz der mathematischen Beschreibung, phänomenologisch als auch quantitativ, betrifft naturaliter nur Strukturen Ereignis-  Zustands- als auch Mächtigkeitslagen, die -trivialerweise- von gleichwie definierbarer intrinsischer Mathematizität sind. Sie betrifft nicht die Kreativität, die Kunst zur Struktur, die Kunst der Strukturbetrachtung und deren schöpferische Deutung.

Immerhin steht so, wie gezeigt, eine durchgängig logisch-rational fundierte Produktionsnotation als gleichermaßen Beschreibungsnotation zur Verfügung, die eine grundsätzliche Abhängigkeit des Kunstschaffenden beispielsweise von der sogenannten Inspiration und da ihrer romantisch-diffusen Begrifflichkeit hinfällig macht.

Der Kanon der logisch-rationalen Produktionsnotation sei der sub-kritische Λv sub-kreative Zeichensatz. Eine versuchsweise sub-erratische Methode führte zur Begrifflichkeit von „Handlungsstille der Handlungsstille“ oder „Ereignisstille der Ereignisstille“. Setzt man adäquat „Nichtsein des Nichtseins“, dann folgt im Sinne der logischen Operation der „Negation der Negation“ unmittelbar die positive Existenz ; so führt der Versuch einer sub-erratischen Methode unbedingt wie unmittelbar zurück zur allgemeinen Existenzpositivität, implizit der setzbaren Handlungs-  Λv Ereignisstille.


Das Objekt

HF nun will das bereits Markierte seinerseits konnotieren, also gleichsam symbolisch kommentieren. Das Mittel dafür ist die von HF so benannte „Anlehnung“, ein  gatterartiges System von je vier untereinander angelehenten Stöcken oder Ästen, das selbst wiederum dem markierten Baum angelehnt ist.

Ähnlich dem „X“ soll die „Anlehnung“ mit „A“ bezeichnet werden. Alle „A“ sind  identikalisch, zuzmal ihre Topolo- gien, ihre Raumlagen gleichfalls identikalisch sind.

Die Zuordnung von „A“ zu „X“ ist gleichbedeutend mit einer (redundanten) Verkomplexierung des Markierungs-    symbols, also „X&A“, steno „XA“.

Alldieweil diese komplexen Symbole  wiederum identikalisch sind, hatHF, ganz im Sinne einer bedingt größtmöglichen Handlungs- oder Beobachtungsdistanz, die aus seiner legitimierten Sicht erratische Struktur, ungeachtet ihres womöglich kritischen oder kreativen Gegebenseins,  durch seine sub- kreative, sub-kritische Intervention dennoch als eine solche belassen.   


Die Sinnfrage

Der Sinn der hier betrachteten künstlerischen Akt  ist gemäß seiner produktionsmethodischen relativen Handlungs-Stille von recht hoher Beobachtungsdistanz, der die Verantwortungsdistanz entspricht. Quantitäten Λv Qualitäten einer irgendwie gesetzten Sinhaftigkeit relativieren sich selbstredend reziprok an der Valenz der Beobachtungs-  respektive Verantwortungsdistanz.

Den resistenten Appendices der Sinnhaftigkeit: Nutzen und Zweck, ergeht es ebenso.
Dem folgt bedingt die Irrelevanz !


Die Ästhetik

Zum Kunstwerk als eines dem Publikum bewußtes so erlebniszugängliches, wird ein wie beschriebenes  - meistenfalls – durch expressive Proklamation, weil nicht unbedingt selbstverständlich.


_Bernd Rhensius | 2012

> BERND RHENSIUS | Essayistische Präambel zu „Anlehnungen”