Kunst im Barmer Wald

Um die Kunst von Hundefaenger Karl Rudi Domidian zu entdecken und zu betrachten, müssen wir uns wie der Künstler selbst auf den Weg machen in die Natur, in die Landschaft hineinwandern. Anders als in einem üblichen Ausstellungsraum wie Museum und Galerie erleben wir diese Arbeiten nicht unter immer gleichen künstlichen Bedingungen in einem begrenzten Inneraum, sondern im Gehen entfaltetet die Landschaft ihren eigenen „Dimensionsreichtum“. Da entstehen Umbrüche beim Aufwärts- und Abwärtssteigen. Dieses Auf und Ab geschieht innerlich wie äußerlich. Wir als Betrachter erfahren unterwegs ähnlich wie der Künstler selbst einen Wechsel von Ferne und Nähe, von Enge und Weite, von Fremdem und Vertrauten. Dichter und bildende Künstler rühmen immer wieder den Gedankenfluss, den Einfallsreichtum, aber auch die intensive Erlebnisfähigkeit die sich beim Gehen in der Landschaft einstellt.

Landschaft ist für den Künstler, der in der Natur arbeitet, nicht nur Lebensraum, sondern auch ein Ort für künstlerisches Tun. So wird der lineare Ablauf des Gehens, immer wieder punktuell unterbrochen vom Innehalten an einem Ort der Ruhe, der gesteigerten Wahrnehmung und Empfindung, der Konzentration. Im Rhythmus von Bewegung und Ruhe findet der Künstler seinen Ort in der Natur. Hundefaenger beschreibt das so: „Ich nähere mich einer Örtlichkeit in der Natur – von der ich glaube, dass ich dort künstlerisch tätig werden könnte – sehr vorsichtig und möglichst ohne Vorstellung über das eventuell entstehende Kunstwerk.“ Der Künstler prüft, ob er an einem bestimmten Ort in der Natur arbeiten kann, versucht Kontakt mit ihm herzustellen. Erst wenn eine positive Beziehung entstanden ist, beginnt er mit kleinen intuitiven Veränderungen, die ohne jeden vorgefertigten Plan sich an die Besonderheiten des Ortes herantasten, aus der Natur unmittelbar herauswachsen.

Hundefaenger wählt ausschließlich Materialien, die er an der Erdoberfläche vorfindet: Steine, abgestorbenes Stangenholz, gelegentlich Reisig, Laub usw. sind seine bevorzugten Materialien, die er jeweils einzeln verarbeitet oder miteinander in Beziehung bringt. Verknüpfendes Element sind Hanf- oder Sisalseile. Neben einem Haumesser sind sie das einzige Material, das er mit sich trägt und in die Natur von außen her hineinbringt.

Maschinelle Eingriffe sind bei diesem respektvollen und behutsamen Umgang mit der Natur ausgeschlossen und im Unterschied zur Land Art amerikanischer Prägung, die teilweise mit Dynamit und Bulldozern die Landschaft verändert.

Die Arbeitsweise des Künstlers in der Natur ist Ausdruck einer engen Verbundenheit mit ihr. Beide Künstler und Natur, entfalten ihre je eigene schöpferische Potenz. Dabei werden Kunstwerk und Natur unlösbar miteinander verwoben, bis sich das Kunstwerk im natürlichen Prozess der Vergehens auflöst. Kunst in der Natur ist eine Kunst auf Zeit, definiert so einen begrenzten Zeitraum.

Hundefaenger sagt zur Entstehung seiner Skulpturen und ihrem Verhältnis zur Natur: „Ein intensiver permanenter Dialog zwischen mir, der umgebenden Natur und dem wachsenden Kunstwerk bildet die Basis, auf der das Werk spontan fließend – evolutionär – entstehen kann. ..Ab dem Moment, an dem sich zwischen dem Moment, an dem sich zwischen dem entstandenen Kunstwerk und der vorhandenen Natur eine Symbiose entwickelt, Natur und Kunst verschmelzen, ziehe ich mich als Künstler zurück. Der Dialog zwischen Kunst und Natur findet nun ohne mich statt – Natur kann zu Kunst werden, Kunst zu Natur, beide können einander beeinflussen und verändern.“

Diesen Dialog mit der Natur und ihren Kräften bezeugen die drei in diesem Jahr entstandenen Arbeiten im Barmer Wald.

Die erste, der wir auf unserem Weg heute begegnen, nutzt ein großes Erdloch, eine Art Krater, an dessen Rand der Blick des Betrachters in die Tiefe gezogen wird. Er spürt so etwas wie einen Sog ins Innere, in tiefere Erdschichten hinein. Dem Einblick begegnet der Künstler mit einem gegenläufig wirkenden Element. Lange Stangenhölzer, enge nebeneinander verlegt, ragen vom Grund des Kraters hoch und über seinen Rand hinaus, so dass die regelmäßig auftretenden Spitzen auch noch von einem entfernten Standpunkt aus wahrgenommen werden können. Aus der Einwölbung des Erdbodens heraus scheinen Energiebahnen das Kräftepotenzial des Erdinnern nach außen abzustrahlen. Der Betrachter befindet sich nicht auf neutralem, sondern energiebeladenem Grund.

Die zweite Arbeit befindet sich auf dem Niveau des Erdbodens. Sie ist aus geschichtetem, eng an einen Baum angelehnten Stangenholz gefertigt. Im Aufblick entdecken wir ein geometrisches Muster strahlenförmig auseinander laufender, teilweise sich kreuzender Linien; in seitlicher Sicht bilden sie gegen die senkrechten Richtungswerte der Baumstämme Diagonalen. Im Innern entsteht ein kleine Raum, der uns wie eine kleine Hütte in der Wildnis, wie ein auf menschliche Bedürfnisse und auf menschliches Maß bezogener Schutzraum erscheint.

Sichtbaren Halt in Verbindung mir dem stützenden Baum steht hier gegen spürbare Labilität der Konstruktion. In diese gefährdeten Balance zeigen sich ausgleichende, gegenläufige Kräfte des Ziehens, sich Abstützens, des Tragens, Aufliegens und Gegendrückens als vorübergehende Erscheinungen im Naturraum. Der Betrachter kann sich hier auf eine ambivalente Situation in der Natur besinne, die in gleicher Weise von Sicherheit wie von Gefährdung bestimmt ist.

Die dritte Arbeit in diesem Wald verlässt den Erdboden und erobert den Luftraum. Drei verschnürte Bündel aus parallelem kurzem Stangenholz hängen und pendeln von Ästen herab. Sie bilden schwebende Skulpturen einer kinetischen Kunst, die im freien Spiel der Winde gehorcht. So ungeschützt und frei bewegt den Naturkräften ausgesetzt wird ihre Lebensdauer auch die kürzeste sein.

Das Miteinander von Kunstwerk und Natur hier im Wald stellt begrenztes menschliches Maß gegen die unbegrenzte Dimensionen der Natur, gegen unbeeinflussbare, ja übermächtige Naturgewalten. Das Kunstwerk hier in der Natur lässt uns eine andere Definition der Verhältnisses Mensch/Natur erahnen, als sie heute üblich ist. Sie führt uns vor Augen, dass die Natur jederzeit menschliches Maß übersteigt.   


_Ilske Konnertz | anlässlich der Ausstellung „Kunst im Barmer Wald“ am 7. 6. 1997

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