Land - Art - Environment Gysenberg

„Meine künstlerische Tätigkeit ist ein fragmentarisches Entwerfen von Linien und Spuren!" In der Begehung von Natur lässt HUNDEFAENGER sich auf deren Eigenheiten ein. Gleichsam als ZEICHNUNG im Landschaftsraum errichtet der Künstler ZEICHEN, die auf einer symbolischen Ebene das Kräfteverhältnis von Mensch, Natur und Kultur spürbar werden lassen. Seine Land Art Environments verstehen sich als Momentaufnahmen, in denen sich die je besondere Atmosphäre von Landschaften und Räumen verdichtet.

Für eine Installation in der Galerie des Bochumer Kulturrat begab sich HUNDEFAENGER im vergangenen Jahr in das Waldgebiet des Gysenberger Busch. Die Raumgestaltung bestand aus Bündeln von Buchenholz und Fotosequenzen von WALK-LINES durch die verschiedensten Regionen der Welt. Nach Ablauf der Ausstellung wurden die aufgelesenen Hölzer in gebündelter Form an die Fundstätte zurückgebracht, um, wenn auch gewandelt, wieder dem ursprünglichen Zusammenhang eingebunden zu werden. Dieser Arbeit entwuchs allmählich ein Land Art Environment mit inzwischen fünf Stationen. Durch Schichtungen, Bündelungen und kreisförmige Aufbauten vorgefundener Materialien umgrenzt HUNDEFAENGER Orte, die dem Blick der Passanten durch das immer dichter wachsende Unterholz entzogen sind und die im Verborgenen eine nahezu magische Wirkung entfalten.

Hier, am Ausgangs- und Endpunkt unseres Rundgangs, finden wir eben die Stangenholzbündel, die zuvor im Galerieraum Natur und Kultur spannungsvoll zusammengeführt hatten. Durch das Fällen einer Gruppe von Buchen ist an diesem Ort eine Lichtung entstanden, gleichzeitig eine größere Menge von Stangenholz bereit gestellt worden. Durch das Aufhängen der Bündel an den Stämmen der verbliebenen Bäume, akzentuiert HUNDEFAENGER deren kreisförmige Anordnung und vermittelt der Lichtung durch diesen minimalen Akzent fast schon den Charakter eines Amphitheaters. Der Eingriff des Menschen hat eine Leerstelle geschaffen, die so plötzlich eine körperhafte, den Raum besetzende Präsenz gewinnt. HUNDEFAENGER findet ein Zeichen für die ursprüngliche Natursituation und gleichermaßen für deren Veränderung durch den Menschen. Die Spuren seines Handelns sind im Folgenden den Wirkkräften der Natur, der Witterung und damit einem weiteren Wandel ausgesetzt. Hierin eröffnet sich eine Zukunftsperspektive. Das natürliche Werden und Vergehen wird die Kunstform verschwinden und so auch das Wirken des Künstlers an diesem Ort vergessen lassen. In der vielschichtigen Erfahrung des Gewesenen, des Seienden und des Werdenden entfaltet der Naturraum in Bezug auf Mensch und Kultur eine geschichtliche Dimension.

Wir sind den Spuren und Linien weiter gefolgt und hierbei auf weitere Eingriffe gestoßen, die als Zeichen des „Ich war hier" die Präsenz des Künstlers bezeugen. In einer Erkundungsreise fand HUNDEFAENGER Anhaltspunkte, die Distanz zwischen sich und der Natur in einem Augenblick des Innehaltens zu verkürzen: „Ich nähere mich einer Örtlichkeit in der Natur - von der ich glaube, dass ich dort künstlerisch tätig werden könnte - sehr vorsichtig und möglichst ohne Vorstellung über das eventuell entstehende Kunstwerk." Um den Kontakt zur Natur aufzunehmen, richtet HUNDEFAENGER seine Aufmerksamkeit auf Kräfte und Eigenheiten, die in bestimmten Ordnungen und Gestaltbildungen spürbar werden. Die Begegnung vollzieht sich durch das Aufsammeln und Be-Greifen von Dingen, also in einer sinn-lichen Erfahrung. Die Fundstücke werden in ihrer Beschaffenheit erforscht und dann durch ganz einfache Handlungen in neue formale Zusammen-hänge gebracht:

„Ich mache nichts anderes, als die Lage von Materialien zu verändern. Ich stelle, ich stapele, ich stecke, ich binde, ich lege, und manchmal hänge ich auch Dinge auf. Das ist alles ganz einfach!"

Stangenhölzer werden gegeneinander aufgerichtet, ineinander verschränkt oder auch in den Astgabeln noch junger Bäume verankert. Zeltartige Architekturen entwachsen dem Boden und bringen in diesem Prozess Tragen und Lasten als komplementäre Kräfte zur Anschauung. Sich überschneidende Linienverläufe schaffen strukturierte Ordnungen und Richtungsimpulse, die ein Energiepotential in sich bergen und assoziative Spielräume freisetzen.

Zwei ineinander verkeilte Dreieckskörper lassen sich etwa mit dem Bild eines versinkenden Schiffsbugs verknüpfen. Hier kommen offenbar die anziehenden Kräfte der Erde zur Wirkung, lassen Schwere und Bodenhaftung erfahrbar werden. Zwei gegeneinander gerichtete Keilformen erwecken demgegenüber den Eindruck einer auseinander driftenden Bewegung. In der Öffnung nach außen gewinnen die Gebilde Leichtigkeit. Eine Wegebiegung nimmt HUNDEFAENGER in einer Fächerform auf.

Stangenhölzer sind wiederum in die Astgabel eines jungen Baumes gelehnt und dienen gleichzeitig als Stützen für kürzere Hölzer, die in einem labilen Gleichgewicht Innen- und Außenraum voneinander abgrenzen. Das sich durchkreuzende Geäst prägt immer neue Strukturbilder aus. Die von einem zentralen Punkt in verschiedene Richtungen vorstoßenden Hölzer vergegenwärtigen eine zentrifugale Kraft. Die zeltartigen Behausungen sind von je unterschiedlicher Größe, um über diese Differenz einen Wachstumsprozess und in der gestaffelten Anordnung eine Drehbewegung vor Augen zu führen. Dem Betrachter wird der feste Standpunkt entzogen, so wie der abzweigende Weg eine Veränderung des Blickwinkels auf die umgebende Natur erzwingt. Die dynamische Beziehung von Mensch, Natur und Kultur wird hier zum eigentlichen Gegenstand der Arbeit. Abschließend stoßen wir - wiederum in einer Lichtung - auf eine weitere Kreisform, geschaffen aus der Schichtung von Stangenhölzern. Obgleich die Abgrenzung recht niedrig und leicht zu überschreiten ist, stellt sich der so bezeichnete Innenraum als schützend und bergend dar. Der Besucher fühlt sich gehemmt, diesen Platz zu beschreiten, scheinen doch nicht näher zu bestimmende Kräfte wie in einem Beschwörungsritual gebündelt zu sein. Dem begrifflich-logisch Denken unmittelbar zugänglich, erscheint die künstliche Gestalt des Kreises fremdartig gegenüber dem natürlichen Umfeld. Doch gerade dieses Befremden lässt - nunmehr auf der Ebene eines intuitiven Begreifens - die Unfassbarkeit und Unergründlichkeit der natürlichen Schöpfung spürbar werden:

„Alles was ich für meine Kunst benötige, gibt mir dieser Planet in die Hände, ich brauche es nur noch aufzulesen und kann direkt damit arbeiten. Das ist einfach wunderbar!"  


_Dr. Christoph Kivelitz | Bochum | August 2003

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